Kapitel 7 – Daisys Geburtstag


Heute mal ein kleiner Statusbericht zum Buch.

Momentan hinke ich hinterher (Überraschung!), habe mich aber gefangen und die Geschichte des Dorfes Obergutsheim nimmt langsam an Pfad auf.

In diesem Kapitel wird beschrieben, wie eine Party für Daisy abläuft.

Das Kapitel ist noch nicht fertiggestellt.

Ab dem nächsten Kapitel, in der Nacht nach der Party wird die Spannungskurve auch langsam angezogen.

Kapitel 7 – Daisys Geburtstag

In Obergutsheim war es der Alltag, der allen half, mit ihrem Leben klarzukommen. Aufgrund von Bitten der wenigen Gäste der Patienten, die Obergutsheim und die Bewohner besuchten, gab es trotzdem gelegentlich kleine Ausnahmen der Regel. So wurden alle Geburtstage der Bewohner gefeiert, ebenso wie Weihnachten und Ostern. So kamen die Obergutsheimer etwa ein Mal pro Monat zu etwas Abwechslung. So auch an diesem Tag.

Daisy hat Geburtstag. Sie ist 1955 geboren und es wird Zeit, dass es mal wieder eine Party gibt, so die Meinung der beiden Pfleger. Also verteilten sie heute Mittag Karten unter den Dorfbewohnern, die allen vermitteln sollte, dass sie heute gefälligst zu Daisys und Inges Wohnung kommen sollten. Dreizehn Uhr wurden die Aufgaben-Karten verteilt und nun trudelt auch der letzte Gast ein, Baflo. Einige freuen sich schon, Baflo zu sehen und seine Reden zu hören. Die meisten Gäste allerdings haben keine Ahnung, wer er ist. Den beiden Pflegern ist es immer ein wenig unheimlich, wenn sie mit ihrem Patienten feiern. Noch schlimmer ist es, wenn auch gesunde Gäste an Veranstaltungen teilnehmen. Joseph findet die Mischung aus vergesslichen Leuten und sich erinnernden Gästen unheimlich, da er nie weis wie er sich verhalten soll. Er und Mark haben sich gewisse Verhaltensmuster angewöhnt, um vertraut auf die Dorfbewohner zu wirken. So tragen sie stets ein leichtes Lächeln im Gesicht, treten mit offener Gestalt den Patienten gegenüber. Wenn sie sich den Erinnernden, so nennen die Pfleger Menschen wie sich selbst und die gesunden Gäste des Dorfes, nähern, können sie kaum von diesem Verhalten der offenen Bekundung von Vertrautheit abweichen. Die Erinnernden fühlen sich dann sehr leicht belästigt, oder verarscht. Nachdem die Pfleger dann ihr auftreten erläutern, glätten sich die Wogen meist schneller als Hemden unter den Bügeleisen amerikanischer Werbefrauen in den 1960ern. Auf der anderen Seite schafft es schnell Vertrauen bei den Vergesslichen, wie die Patienten genannt werden. Einige der Erinnernden sagen den Pflegern nach, dass sie so nett und vertrauenswürdig wirken, dass sie doch im Versicherungswesen ihr Unwesen treiben sollten. Für Joseph jedoch käme das nie infrage – für Mark schon. Nachdem die Gäste Baflo willkommen heißen, sucht dieser nach einem Podest und findet einen bereits von Flaschen befreiten Limonaden-Kasten. Baflo dreht die Kiste um, klettert herauf, positioniert sich, brüstet sich und starrt erwartungsvoll, nach Aufmerksamkeit verlangend in die Gäste-Scharr. Dann flasht es ihn – das ist der Begriff, den die Pfleger verwenden, wenn sie von dem Moment oder der Zeitspanne sprechen, in der die eine Phase des Erinnerns des Patienten endet und die nächste Phase beginnt – und er starrt verwirrt umher, anschließend auf den Boden. Er fasst in seine Hosentasche und findet einen Zettel: „Deine nette Freundin Daisy, mit ihren schönen blonden Haaren hat heute Geburtstag. Sie wird 31 Jahre alt. Gratuliere ihr. Sie wohnt in der Wohnung 3“. Dass Daisy nicht wirklich 31 Jahre jung ist, weis Baflo nicht, wenn er es wüsste, so wäre das doch auch nur kurzfristig so. Nun da Baflos neue zwanzig Minuten beginnen und er dank des Zettels wieder begreift, was er zu tuen hat, richtet er sich wieder auf, präsentiert einen stolzen Mann und beginnt seine Geburtstagsansprache. Währenddessen unterhält sich einer der Gäste mit Mark. Er muss dieselben Fragen über sich ergehen lassen, die er schon „aus dem FF“ kannte, wobei auch er nicht weis was diese Redewendung bedeutet. „Wie sind sie auf die Idee gekommen dieses Dorf zu gründen?“, „Wie meistern sie den Alltag mit den Patienten“, „Wo gibt es hier Getränke? Gibt es auch Bier?“

Einige Bewohner des Nachbardorfes Untergutsheim schleichen sich gelegentlich auf die Partys der Patienten und gaben sich als deren Besucher aus. Dieser aber nicht. Barrat war zu besuch gekommen, ohne Melinda, der Tochter von Daisy. Barrat begrüßte Daisy vor zwei Stunden und war der erste Gast. Daisy erinnerte sich an ihn. Sie sprachen über seine Anreise, sie verriet in, dass sie nicht genau wusste, wo sie sei. Barrat berichtete ihr dann immer wieder von ihrer Kur, die sie machen müsse, um vollständig vom Heroin wegzukommen. Wie schön Melinda ist. Wie schön Daisy ist. Dann berichtete er immer über seine Arbeit und spricht stets so, als hätte er es ihr noch nie erzählt. Er schafft es auch stets, die Begeisterung für seine Arbeit, gekonnt vorzutäuschen. Dann aber sind Daisys dreißig Minuten meist schon um. Barrat hat eine neue Geliebte. Ein Teil seines Herzens allerdings kann sich nicht von seiner kranken Frau verabschieden. Er bekommt jedes Mal bevor er Daisy sieht Herzklopfen und Schmetterlinge mit Flügelschlaggeschwindigkeiten einer Libelle im Bauch. Er freut sich sie zu sehen, genießt die für ihn trotzdem anstrengenden Gespräche über stets gleiche Themen, verabschiedet sich meistens zwanzig Minuten nach Daisys Flash und fährt weinend ins Tal hinab auf die Autobahn nach München zu Melinda. Seine Tochter begreift nicht, warum er so häufig zu ihrer Mutter fährt. Für sie ist ihre Mutter ein schwarzes Kapitel. Sie ist ihr nicht böse, hat jedoch eingesehen, dass sie nichts mit ihr anfangen kann, und kommt nur selten ins Dorf. Barrat würde gleich, zehn Minuten vor dem nächsten Flash Daisys verschwinden, um ihr den Abschied von ihm, zumindest an den sie sich erinnern wird, kurz zu halten. Baflo schweift gerade von der Beschreibung der Schönheit Daisys ab. Er beginnt, seine Tiraden und Schimpfgesänge über Frauen loszutreten. Joseph allerdings überblickt diese immer wiederkehrende Situation und schreit auf: „Und deshalb alles gute der wundervollen Daisy.“ Anschließend stoßen alle auf Daisy an und Baflo wird von Mark vom Kasten geholfen. Baflo schreitet zwischen den leicht verpeilt umherlaufenden Gästen hindurch in Richtung Daisy. Er reicht ihr die Hand und gratuliert ihr. Daisy schaut ihm dabei nicht in die Augen.

Daisy schaute niemanden von der Nähe in die Augen. Kurz, nachdem sie in Obergutsheim eingeliefert wurde, schaute sie einst Joseph tief in die Augen, als dieser unmittelbar vor ihr stand. Sie erkannte sich in seinen Augen wieder. Sie erkannte, dass sie alt war, erschreckte und bekam einen Anfall, sodass Joseph sie packen und beruhigen musste. Nachdem ihr Flash kam, sah sie niemanden jemals in die Augen, der nicht eine gewisse Distanz zu ihr hatte. Obwohl man bei solchen Patienten davon ausgeht, dass sie auch dieses Erlebnis wieder vergessen würden, so geschah das hier nicht. Es gibt einige Fälle von Ereignissen, die sich trotz Krankheit trotzdem ins Hirn der Patienten einbrennen. Das ist Josephs Antrieb, die Patienten zu betreuen.

Vorher bereits gratulierte Kalle Daisy. Er überreichte ihr ein frisches Brötchen mit Butter und Honig drauf. Daisy wusste sich vornehm zubedanken, das Brötchen behutsam auf den Geschenketisch zu platzieren und den Blickkontakt zu einem weiteren Gast aufzunehmen. Danach ging Kalle zu Lilly und unterhielt sich mit ihr, wie es nur zwei sich untereinander Unbekannte tuen konnten. Inge gratulierte ihr nicht. Inge führte Tagebuch und wurde deshalb rechtzeitig an Daisys Geburtstag erinnert. Das Tagebuch wurde ihnen von den Pflegern geschenkt. Joseph achtete dabei darauf, am Tag vor dem Geburtstag und am Tag des Geburtstags einen vorgefertigten Eintrag im Tagebuch zu platzieren. Das sollte dabei helfen, dass Inge sich gegebenenfalls selbst einen Zettel als Erinnerung hinterlegen konnte, der sie an die Feierlichkeit erinnerte. Daisy genoss die meisten ihrer dreißig Minuten, in denen sie bewusst wahrnahm, dass sie ihren Geburtstag feierte.

Sie freute sich sehr darüber, das Mark in ihrer Wohnung war. Heute würde sie sich an ihn ranschmeißen. Genauso, wie bei der letzten Feier, wo Mark sie jedoch abblitzen ließ, vier Mal, ohne dass sie darum wusste. Mark schenkte ihr alkoholfreien Met. Sie freute sich sehr, zumindest war nicht viel Schauspielerei nötig, er hätte ihr auch einen Haufen Sand schenken können. Daisy erfreute sich an der puren Anwesenheit Marks. Sie nahm das Geschenk entgegen, umarmte Mark herzhaft, stets mit dem Versuch auf alle anderen gefasst und souverän zu wirken. Während der Umarmung strich sie mit ihren Knie über die Innenseite von Marks Oberschenkel. Dieser wusste sich gekonnt aus ihrer Umklammerung zu winden, ähnlich wie es Schlangen bei Kraken machen würden, insofern diese beiden Tiere jemals in eine Auseinandersetzung geraten könnten. Anschließend warf Mark ihr beim weggehen einen Lächeln zu, ähnlich wie brustrasierte Models in Parfüm-Werbungen. Daisy war hocherfreut. Wenn es ein Luftfeuchtemessgerät für Unterwäsche gäbe, so hätte dieser in jenem Moment Alarm geschlagen.

Als einer der letzten Gratulanten trat Harald Daisy gegenüber.

tbc

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